Unterstützung durch LyX

Für viele ist TeX bzw. das Makropaket LaTeX, welches meistens verwendet wird, zu kompliziert, zu kryptisch. Insbesondere diejenigen, die bisher Textverarbeitung unter Windows benutzt haben, können sich anfangs schlecht mit LaTeX anfreunden, da sie das Resultat erst lange nach der Eingabe sehen. Der größte Vorwurf ist wohl, daß die Benutzer von LaTeX - oder sollte man besser Liebhaber sagen - ihre Texte teilweise regelrecht programmieren.

Dem setzen LaTeX-Benutzer entgegen, daß ihre Texte problemlos auf andere Systeme übertragen werden können und immer noch den gleichen Ausdruck erzeugen. Zudem lassen sich die Layoutdefinitionen nachträglich ändern ohne an zig Stellen korrigieren zu müssen. Matthias Ettrich, der ursprüngliche Autor von LyX, spricht von "visuellem Markup im Gegensatz zu generischem Markup". Beim ersten wird die genaue Schrift, der exakte Abstand etc. bezeichnet, beim generischen Markup hingegen werden Platzhalter für Abstände, Schriftgrößen etc. verwendet. Die exakten Werte werden erst zur endgültigen Formatierung anhand der globalen Layout-Vorgaben berechnet.

Hier kommt LyX ins Spiel. Es ist ein komfortables Textverarbeitungsprogramm für das X Window System, welches viele Eigenschaften herkömmlicher Wortprozessoren aufweist. Als Backend wird dabei LaTeX verwendet. LyX vereint dadurch die einfache Bedienbarkeit von grafischen Wortprozessoren mit der Leistungsfähigkeit und Flexibilität von LaTeX. Obwohl die Version 0.10.7 von den Entwicklern immer noch als Betaversion bezeichnet wird, läßt sich mit ihr hervorragend arbeiten.

Textverarbeitung wie üblich

Für den Anwender erscheint LyX wie ein "normales" Textverarbeitungssystem mit grafischer Oberfläche und den üblichen WYSIWYG-Eigenschaften. Es wurde speziell für Leute entwickelt, die hochwertige Ergebnisse benötigen - und das ohne sich in die Tiefen von Satztechniken und Layout einarbeiten zu müssen. Dank seiner intuitiven Benutzbarkeit ermöglicht es schnelle Einarbeitung Wer hier ein freies Desktop Publishing System für Unix erwartet, wird jedoch enttäuscht sein.

Da LaTeX als Backend verwendet wird, geschieht die Verarbeitung mehrstufig wie Abbildung 1 verdeutlicht. Aus dem LyX-Dokument wird zuerst LaTeX-Code erzeugt, der anschließend in speziellen Zwischencode übersetzt wird und ausgedruckt werden kann. Für diejenigen, die bei LyX gerne hinter die Kulissen schauen möchten, besteht die Möglichkeit, den Text in eine LaTeX-Datei umzuwandeln und ggf. vor der Weiterbearbeitung selbst noch zu manipulieren.

Die wichtigsten Funktionen und Popup-Fenster sind wie üblich über die Symbolleiste zu erreichen. Zusätzliche Popup-Fenster können über verschiedene Menüpunkte geöffnet werden.

Eine Spezialität von LyX zeigt sich beim Laden eines größeren Textes. Neben dem eigentlichen LyX-Fenster wird ein zweites geöffnet, welches das Inhaltsverzeichnis enthält. Damit können Sie selbst in großen Dokumenten schnell navigieren. Bei einem Doppelklick auf die Überschrift wir der Curser im Dokument neu positioniert.

Das "Math Panel" erleichtert die Eingabe von mathematischen Formeln, wenn nicht direkt mit den LaTeX-Befehlen gearbeitet werden soll. Dort stehen die wichtigsten mathematischen Symbole und Strukturen zur Verfügung. Die konkreten Inhalte (Texte und Zahlen) müssen jedoch im Text selbst und nicht in einer passenden Dialogbox eingegeben werden. Die Formel wird von einem eingebauten Formelinterpreter gleichzeitig umgesetzt und auf dem Bildschirm dargestellt.

Genauso wie LyX als Backend LaTeX und zum Visualisieren xdvi und Ghostscript verwendet, existiert auch eine Schnittstelle zu einer freien Rechtschreibprüfung. Über den Menüpunkt "Spellchecker..." erreicht man eine Dialogbox, mit der das Programm "ispell" gesteuert werden kann.

Abbildung 1: Verarbeitung von Dateien mit LyX

Die gesamte Dokumentation von LyX wird im LyX-Format mitgeliefert. Über den Menüpunkt "Help" am rechten Fensterrand wird ein Dateiauswahlfenster geöffnet, über das man die gewünschte Datei laden kann.

Die Struktur des Textes

Anders als bei "herkömmlichen" Textverarbeitungssystemen arbeitet LyX nicht mit konkreten Formaten, sondern setzt auf generisches Markup. Dadurch wird der Text aufgeteilt in Überschriften, normale Absätze, Aufzählungen etc. Die Überschriften werden dabei automatisch in das Inhaltsverzeichnis aufgenommen und ausgedruckt.

Das konkrete Layout ist vom gewählten Stil bestimmt. Es stehen die üblichen LaTeX Dokumentenstile zur Verfügung, welche von erfahrenen Setzern und Layoutern definiert wurden. (siehe LaTeX-Artikel)

Für das Absatzlayout stehen rund 30 Formate bereit. Sie bezeichnen meist LaTeX-Umgebungen. Über das Auswahlfeld in der Symbolleiste wird eines für den aktuellen Absatz ausgewählt. Ein normaler Absatz wird üblicherweise im Format "Standard" gesetzt.

Da sind zum Beispiel die verschiedene Aufzählungen. Die zweite Zeile ist hier immer um ein Stück eingerückt und die einzelnen Punkte sind durch einen kleinen Zwischenraum voneinander getrennt.

Wird die gleiche Listenart über mehrere Einträge verwendet, dann werden sie von LyX automatisch passend gruppiert. Daher fängt nicht jeder Eintrag einer nummerierten Liste mit einer 1 an. So wird dem Anwender ebenfalls ermöglicht, einen Listeneintrag um eine Ebene weiter einzurücken oder herauszuziehen. Dieses geschieht über den Menüpunkt "Change Environment Depth" im "Layout"-Menü.

Ferner findet man dort die beiden einrückenden Absatztypen "quote" und ¨quotation", deren Unterschied im Artikel über LaTeX beschrieben wurde.

Die Überschriften (section bis paragraph) sind genauso bezeichnet und definiert wie ihr zugrundeliegendes LaTeX-Pendant. Genau wie dort bedeutet ein Sternchen hinter dem Formatnamen, daß keine Nummerierung durchgeführt wird und sie nicht in das Inhaltsverzeichnis aufgenommen werden. Selbstverständlicherweise werden Sie in einer größeren Schriftart gesetzt als der restliche Text.

Über das Menü "Insert" lassen sich komplexe Strukturen wie Rand- oder Fußnoten, Abbildungen, Tabellen, Inhaltsverzeichnis sowie Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen einfügen. Rand- und Fußnoten erscheinen im Text nur als Anker. Wird dieser mit der linken Maustaste doppelt angeklickt, so öffnet sich ein kleiner Eingabekasten, in dem der Text geändert werden kann. Genauso können im Text auch Hinweise für den Autor untergebracht werden. Der Menüpunkt "Note" fügt einen Hinweis für den Autor ein, der nicht ausgedruckt wird.

Ein mit "float" gekennzeichnetes Objekt ist ein Gleitobjekt. Solche Objekte, Tabellen oder Abbildungen, müssen beim Ausdruck nicht unbedingt an der gleichen Stelle im Text erscheinen. Sie werden stattdessen unter Beachtung einiger Regeln teilweise an anderer Stelle im Gesamtdokument positioniert.

Ganauso einfach können Querverweise in den Text eingefügt werden. An der Stelle, an die ein Verweis zeigen soll, wird aus dem "Insert"-Menü ein "Label" eingefügt. Soll der Verweis später im Text erscheinen so wird aus dem gleichen Menü eine "Cross-Reference" eingefügt. Dort kann der passende Verweis bequem aus einer Liste aller Verweise ausgesucht werden.

Auf diese Weise lassen sich ebenfalls bequem Abbildungen in das Dokument einfügen. Über den Menüpunkt "Figure" gelangt man zu einer Dialogbox, in der man die Größe der Grafik sowie den Dateinamen auswählen kann. Zur Darstellung der Grafik werden externe Programme benötigt. Daher kann LyX angewiesen werden, im Text-Fenster nur einen Rahmen zu zeichnen, um die Bearbeitung nicht unnötig zu verlangsamen.

Um die Flexibilität zu erhöhen, ist es bei LyX ebenfalls möglich, LaTeX-Befehle einzugeben. Dafür ist das Format "LaTeX" gedacht. Der darin geschriebene Text wird direkt in das resultierende LaTeX-Dokument eingefügt. Die Dokumentation verweist an einigen Stellen auf derartige Tricks.

Eine Besonderheit von LyX ist das Absatzformat LaTeX-Code. Es ist speziell für gedruckten Programmtext entworfen worden. Der Programtext kann über den Menüpunkt "Insert ascii file" im "Insert"-Menü, "as lines" angeben, eingefügt werden.

Gezielte Änderungen am Layout können über das Menü "Layout" vorgenommen werden. Dort stellt man die generelle Schriftgröße, Schriftart, die Seitengröße etc. ein. Für deutschsprachige Texte mit Umlauten sollte die Variable "Encoding" auf "latin1" gesetzt werden.

An dieser Stelle wird auch das Aussehen der einzelnen Buchstaben bestimmt. Hier kann - wie es für Wortprozessoren üblich ist - der Zeichensatz für jedes einzelne Zeichen bestimmt werden. LyX gruppiert es anschließend automatisch, genau wie bei Aufzählungen.

Der Ausdruck

Natürlich stellt LyX einen Menüpunkt "Print" zur Verfügung, der alle in Abbildung 1 dargestellten Schritte durchläuft. Bedingt durch die Arbeitsweise des zugrundeliegenden Formatierungsprogramms LaTeX kann es jedoch passieren, daß im Ausdruck das Inhaltsverzeichnis fehlt oder falsche Seitenzahlen enthält.

Wenn der auszudruckende Text ein Inhaltsverzeichnis oder generische Querverweise enthält, dann darf er nicht ohne weiteres mit dem Menüpunkt "Print" ausgedruckt werden. Wie im Artikel über LaTeX beschrieben, muß ein Text bis zu dreimal compiliert werden, bis die Seitenzahlen stimmen. Sehen Sie sich den Text vorher ein bzw. zweimal über den Menüpunkt "View (xdvi)" an. Dazu wird jedesmal der LaTeX-Compiler aufgerufen, und nach und nach stimmen Inhaltsverzeichnis und Seitenzahlen mit dem Text überein.

Eigene Anpassungen

LyX ist ein typisches Anwendungsprogramm für Unix. Als solches kann es hohem Maße an die eigenen Bedürfnisse angepaßt werden. Dazu wertet LyX beim Programmstart die Datei .lyxrc im Home-Verzeichnis des Anwenders aus. Dort kann zum Beispiel eine andere Tastaturbelegung geladen werden, um Emacs-typische Tastencodes zu bekommen.

  \bind_file emacs.bind 

  
Der mitgelieferte Text "Customizing LyX" (Customization.lyx) beschreibt weitere Möglichkeiten der Anpassung. Der Text ist jedoch zur Zeit noch relativ unvollständig. Die systemweite Konfigurationsdatei von LyX beinhaltet weitere Optionen. Sie ist gut dokumentiert und sollte in /etc/lyx/system.lyxrc liegen, bei der LST 2.2 befindet sie sich in /usr/X11R6/lib/lyx/system.lyxrc.

Wem die vorhandenen Stile und Formate nicht ausreichen, der kann sich an dieser Stelle ebenfalls neue definieren.

Martin Schulze

Quelle: Linux-Special vom Toolbox-Verlag '97


© Joey, 26 Dec '97