Von Eckart Spoo
Die Meldefrist für nichtkommerziellen Lokalfunk in Niedersachsen ist abgelaufen. 49 Initiativen reichten bei der Niedersächsischen Landesmedienanstalt ihre Unterlagen ein. Jede von ihnen will in einem der insgesamt 18 Gebiete, in die das Land zwischen Ems und Elbe eingeteilt wurde, einen nichtkommerziellen Hörfunksender oder einen offenen Kanal betreiben. Für das Gebiet der Landeshauptstadt Hannover meldeten sich neun Initiativen, für Braunschweig und Oldenburg je vier für Osnabrück, Göttingen und Emsland je zwei. Unter den Interessenten sind gewerkschaftliche und kirchliche Gruppen, Initiativen von Studenten, aber auch regionale Monopolzeitungsverlage.
Nach dem Landesmediengesetz dürfen die vorgesehenen elf nichtkommerziellen Hörfunksender ebenso wie die offenen Kanäle (darunter auch vier Fernsehkanäle) keine Werbung ausstrahlen; Sponsoring ist ebenfalls untersagt. Die Landesmedienanstalt wird Zuschüsse geben, die aus den Werbeeinnahmen der landesweit sendenden Privatanstalten ffn, Antenne, RTL und Sat 1 finanziert werden sollen. Die Vergabe der Lokalfunk-Lizenzen für zunächst fünf Jahre ist für Mitte 1995 angekündigt.
Wenig ermunternd klangen die Erfahrungen in Sachen lokaler Rundfunk in anderen Bundesländern, die der Hamburger Kommunikationswissenschaftler Otfried Jarren in einer Informationsveranstaltung der Landesmedienanstalt in Hannover kurz vor Ablauf der Bewerbungsfrist vortrug. Aus einer Untersuchung der bisher existierenden 110 Lokalradios in Deutschland zog er den Schluß, sie hätten keinen nennenswerten publizistischen Zugewinn gebracht. Das gelte für alle - für kommerzielle und nichtkommerzielle Sender, für Boulevard- und Kommunalradios auch für die lokalen Programme, die ins Rahmenprogramm von Radio Nordrhein-Westfalen eingeblendet werden.
Allenfalls "in kleinsten Segmenten" konnte Jarren Wettbewerb zwischen Lokalradio und Lokalpresse feststellen. Zum Verhältnis zwischen beiden teilte er aus seiner Untersuchung mit: In der Regel seien die Zeitungsredakteure journalistische Zuträger für das Radioprogramm. In den morgendlichen Wortsendungen beschränke sich der Sender auf Wiedergabe dessen, was in der Zeitung stehe. Dabei bleibe er sowohl quantitativ als auch qualitativ hinter der Zeitung zurück. Auch im weiteren Tagesverlauf biete er dem Publikum selten andere Inhalte als die, die er in der Zeitung finde.
Einziger Unterschied sei die Form der direkten Befragung, aber dieser Form-Unterschied wirke sich nicht auf den Inhalt aus, denn zu Wort kämen die gleichen örtlichen Eliten wie im gedruckten Lokalteil.
Bei der Themenauswahl verhalte sich der Sender gewöhnlich nicht aktiv, sondern reaktiv. Die Darstellungstiefe sei gering. Fälle, in denen die Zeitung journalistisch vom Radio profitiere, seien äußerst selten.
Als Gründe für diesen ernüchternden Befund nannte Jarren unter anderem die geringe personelle Ausstattung der Lokalradios mit meist nicht mehr als zwei oder drei Redakteuren, die zudem relativ schlecht bezahlt würden und deshalb überwiegend Berufsanfänger seien. Er stellte in den Sendern "starke Ausbeutung und Selbstausbeutung" fest. Die Arbeitsbedingungen schilderte er in den meisten Fällen als unzureichend. Aber auch unter vergleichsweise sehr guten Bedingungen wie in Nordrhein-Westfalen hätten sich die Erwartungen nicht erfüllt, sagte Jarren.
Die Entscheidung der Hörer, einen bestimmten Sender einzuschalten, richtet sich dieser Untersuchung zufolge nach der "Musikfarbe". Für örtliche Musikgruppen könne sich im Programm des Lokalsenders eine zusätzliche Artikulationsmöglichkeit ergeben. Daß sich das Lokalradio im übrigen kaum als publizistische Alternative erweise, liege auch daran, daß die Radiohörer an Wortbeiträgen wenig interessiert seien. Vor allem lokale Informationen fänden kaum Interesse, am ehesten noch bei den über 50jährigen.
Die jährlichen Kosten - von der Musikbeschaffung einschließlich GEMA bis zu Leitungsgebühren - summieren sich schnell auf Millionenbeträge. Daraus zog Jarren für nichtkommerzielle Sender die Konsequenz, daß sie entweder beträchtliche Subventionen oder ein sehr großes zahlendes Publikum brauchen. "Kleine Zielgruppen reichen nicht", berichtete der Medienforscher. Bei Kooperation mit einem Landessender, der zeitweilig für den Lokalfunk sein Programm unterbreche, und zwar auch und gerade bei finanzieller Kooperation, etwa in Form von Zuschüssen des Landessenders für die örtlichen Programmhersteller, könne man im Lokalfunk wenig eigenes Profil erwarten; im Interesse der Veranstalter dürften vor allem die Musikfarben nicht weit voneinander abweichen.