Bibliotheken

Bücher am Bildschirm

Die Qualität deutscher Uni-Bibliotheken sinkt: Die Büchereien müssen sparen und haben die Computer-Zukunft verschlafen.

Der Student Matthias Kolbeck, 21, ist überzeugter Wehrdienstverweigerer. Dennoch besucht er regelmäßig die Bundeswehr-Hochschule im Hamburger Stadtteil Jenfeld. Kolbeck, eingeschrieben an der Universität Hamburg, nutzt bei den Militärs das umfangreiche Sortiment an wissenschaftlicher Fachliteratur - gezwungenermaßen. "Die sind besser ausgestattet als die Uni", klagt der Nachwuchs-Akademiker.

In den Bibliotheken der Hamburger Universität sucht der Student der Journalistik und Politikwissenschaft häufig vergebens nach Lektüre. Am Institut für Journalistik liegt nicht eine einzige Tageszeitung für Studenten aus. Die sozialwissenschaftliche Fachbibliothek erinnert teilweise an ein Antiquariat, auf dem Regal für Neuerscheinungen stehen Bücher aus den sechziger Jahren - "eine Schenkung", vermutet Kolbeck.

Hamburg ist keine Ausnahme. Die Qualität der wissenschaftlichen Bibliotheken in der Bundesrepublik sinkt seit Jahren stetig. Die Preise für Fachliteratur sind drastisch gestiegen, die Etats vieler Büchereien jedoch gleichgeblieben oder gar gekürzt worden - mit fatalen Folgen für Studium und Forschung.

Nach Ansicht der Hochschulrektorenkonferenz droht "eine Provinzialisierung der Literaturversorgung, die den internationalen Standard der deutschen Wissenschaft gefährdet". Fachleute rechnen, daß sich durch die mangelhafte Ausstattung der Bibliotheken die Studiendauer in vielen Bereichen um bis zu einem Semester verlängert.

Doch nicht nur finanzielle Nöte machen den Büchereien zu schaffen. Viele Bibliotheken haben die elektronische Revolution verschlafen. Erst allmählich dämmert den Bücherverwaltern: Der Bibliothekar wird keine Folianten mehr bewegen, sondern via Computer Datenbestände um die Welt schicken, als Informationsmanager in internationalen Datenbanken recherchieren und Studenten wie Wissenschaftlern Zugang zu globalen Computernetzen ermöglichen.

"Wir müssen schnellstens zu einem umfassenden Informationsanbieter werden", fordert Karl Wilhelm Neubauer, Leiter der Universitätsbibliothek Bielefeld. Bücher beschaffen, katalogisieren und ausleihen werde zukünftig nur noch eine Nebenbeschäftigung sein.

Doch ob die Bibliotheken den Aufbruch ins computergesteuerte Info-Zeitalter schaffen, ist bei der aktuellen Finanzkrise ungewiß. Die Kosten für wissenschaftliche Publikationen sind enorm gestiegen. So haben sich die Preise für Fachzeitschriften aus Großbritannien und den USA seit Anfang der achtziger Jahre zum Teil verdreifacht. Das medizinische Fachblatt Endocrinology verteuerte sich allein seit 1992 von 170 auf 360 Dollar im Jahr, das Journal of Organic Chemistry von 518 auf 992 Dollar.

Dabei müssen nach einer bisher unveröffentlichten Untersuchung der Deutschen Forschungsgemeinschaft in diesem Jahr 40 Prozent der Bibliotheken mit derselben oder sogar einer geringeren Summe auskommen als 1993. 90 Prozent aller Universitätsbibliotheken sind gezwungen, wissenschaftliche Zeitschriften abzubestellen.

Nach Ansicht von Rolf Griebel, Autor der Studie und Direktor an der Universitätsbibliothek Erlangen, "spitzt sich die Krise der universitären Literaturversorgung 1994 weiter zu". Bereits 1993 mußten die Bibliotheken die Gelder zur Neuanschaffung von Fachbüchern um rund 10 Prozent kürzen.

Um auf die desolate Lage der Uni-Büchereien aufmerksam zu machen, greifen Studenten zur Selbsthilfe. In München belagerten im letzten Jahr beim Festakt zum 125jährigen Bestehen der Technischen Universität Studenten die prominenten Gäste mit Spendenbüchsen. Der Fachschaftsrat für Journalistik in Hamburg übergab der Hochschulleitung 6000 Mark in bar und 1000 Bücher, die bei einer Aktion "Rettet die Uni - spendet Bücher" zusammengekommen waren.

Andreas Anderhub, Leiter der Uni-Bibliothek in Mainz und Vorsitzender des Vereins Deutscher Bibliothekare, macht sich keine Illusionen: "Mehr Geld wird es in den nächsten Jahren nicht geben." Durch "innerbetriebliche Rationalisierung" und den massiven Einsatz von Computern müsse die "Transformation von Bibliotheken in Informationssysteme" gelingen.

Das an vielen Hochschulen noch bestehende System mit Zettelkästen und Leihscheinen wird den Anforderungen nicht mehr gerecht. Ein Teil der Professoren und Studenten hat sich von den Bibliotheken abgekoppelt.

Vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern wie Physik, Chemie oder Pharmakologie veröffentlichen die Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse oft in weltweiten Datennetzen wie dem Internet. Direkt von Rechner zu Rechner diskutieren die Spezialisten die neüsten Entwicklungen. Bereits heute existieren an die 150 elektronische Zeitschriften und Newsletter.

Bundesbildungsminister Karl-Hans Lärmann (FDP) und der Präsident der Kultusministerkonferenz, Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair (CSU), starteten letzte Woche die "Bund-Länder-Initiative zur Beschleunigung der Literatur- und Informationsdienste", "Subito" (lateinisch: sofort) genannt.

Ziel ist, möglichst viele Bibliotheken miteinander zu vernetzen. Studenten wie Professoren sollen bundesweit von ihren Computern aus, egal ob von der Hochschule oder zu Hause, in den wichtigsten Literaturdatenbanken und Bibliothekskatalogen recherchieren und jedes Dokument bestellen können. Aktuelle Zeitschriftenaufsätze sollen per Datenleitung übertragen werden.

"Subito" wird Jahre dauern. Experten kritisieren zu Recht, die Bundesländer hätten zu lange an regionalen Datennetzen festgehalten, die heute nur schwer miteinander zu verbinden seien.

Die Universität Bielefeld ist den anderen Hochschulen voraus. Seit April können Studenten von jedem Uni-Computer genauso wie von zu Hause aus per Datenleitung im Katalog nachschlagen, in rund 11 000 Zeitschriften recherchieren und Dokumente bestellen. Kürzere Artikel werden den Kunden direkt auf den Bildschirm geschickt.

Bibliotheksleiter Neubauer denkt bereits weiter: In den nächsten Monaten will er in Bielefelder Buchhandlungen Terminals aufstellen, um auch interessierten Bürgern den Zugriff auf das Uni-Netz zu ermöglichen - erst einmal gratis, später gegen Geld.

Längerfristig sollten die Bibliotheken nach Neubauers Meinung "an der kommerziellen Vermarktung von Informationsprodukten teilnehmen". Neubauer nüchtern: "Wir müssen Geld verdienen."

Quelle: Spiegel, Nr. 41/194, 10.10.94

© Joey, 16 Nov 95