Als bei der Schaltkonferenz des ZDF ein geplanter Auftritt des christdemokratischen Arbeitsministers Norbert Blüm in der Wirtschaftssendung "Wiso" zur Sprache kam, wurde Ulrich Kienzle vorige Woche frech. "Ist das die Wiedergutmachung?" fragte der "Frontal"-Moderator.
Kienzle lag richtig. Das Interview mit dem CDU-Minister sollte helfen, die erzürnte christliberale Regierung milde zu stimmen. Zweieinhalb Wochen vor der Bundestagswahl hatte Helmut Kohl seinen Haussender ZDF abgekanzelt und in einem Brief an Intendant Dieter Stolte Programmschelte geübt.
Kohl, einst Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrats, war unzufrieden mit der Auswahl von 300 Gästen zur Auftaktsendung "Weniger Arbeit trotz Aufschwung?" der ZDF-Reihe "Wählt!". Wirtschaftschef Michael Jungblut hatte ausgerechnet dem PDS-Mann Lothar Bisky als einzigem von sechs Politikern zugestanden, eigene Fans mitzubringen.
Die Delegation aus 13 PDS-Getreuen mischte sich mit Zwischenrufen in die Wortgefechte ein. Finanzminister Theo Waigel (CSU), Wirtschaftsminister Günter Rexrodt (FDP) und Volkstribun Blüm zeigten sich über die Massen irritiert.
Die Geräuschkulisse sei von den Ministern als "äußerst störend" empfunden worden, sagt ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser. Waigels Wunsch nach Schadensersatz, Gesichtspräsenz zur besten Sendezeit im TV, blockte Bresser zunächst ab. Doch dann kam der Kanzler.
Kohl hegte den "Verdacht der Manipulation" bei der Auswahl von Zuschauern, erklärt Kanzler-Berater Andreas Fritzenkötter. Zudem störte Kritiker Kohl, daß Jungblut die Politikerreden schon nach anderthalb Minuten mit einem Gongschlag stoppen ließ.
In seinem knappen Brief an Stolte mahnte der Kanzler, das ZDF müsse faire Behandlung und ein ausgewogenes Publikum zusichern. Andernfalls, deutete er an, würden sich Unionspolitiker aus ZDF-Wahlsendungen zurückziehen.
Bei Kohls Vorstoß habe der "breite Charme des Pfälzers" gewirkt, scherzt Stolte. In der Sache aber habe der Kanzler recht. Höflich sicherte der Intendant fortan wohlanständiges Publikum zu. Und im laufenden Programm bekamen Blüm und Waigel durch Interviews außer der Reihe Satisfaktion.
Einen wüsten Krach mit Kohl und der Union kann sich Stolte nicht leisten. Die Politiker entscheiden in den Ländern, ob das öffentlich-rechtliche ZDF künftig auch nach 20 Uhr werben darf und wie hoch die Erhöhung der Rundfunkgebühren zum 1. Januar 1997 ausfällt. Ohne diese Finanzspritzen kollabiert die Anstalt; aus dem Sendezentrum auf dem Mainzer Lerchenberg könnte "eine herrliche Hotelanlage" werden, ulkte ZDF-Showmaster Thomas Gottschalk.
Kohl hat noch mehr Gelegenheit, die Notsituation auszunutzen. Dem Mainzer Sender drohte er mit der Kommerzkonkurrenz von Sat 1 und RTL: Die traditionelle ARD/ZDF-Elefantenrunde der Parteichefs am Wahlabend, bei der alle in den Bundestag gewählten Parteien vertreten sind, müsse künftig ja nicht unbedingt bei den Öffentlich-Rechtlichen laufen, ließen die Bonner Regenten durchsickern.
Die Privatstationen reagierten mit ungewöhnlichem Entgegenkommen. Die Spitzendebatte, offerierten sie, könne bei ihnen, anders als in ARD und ZDF, garantiert PDS-frei laufen. ZDF-Bresser: "Ein geradezu willfähriges Angebot."